Studie zeigt: 72 Prozent der Personen mit unerfülltem Kinderwunsch kämpfen mit psychischen Folgen

Christina Fadler ist Gruenderin und Obfrau der Fruchtbar - Verein Kinderwunsch Oesterreich (c) Farbraum Wien
  • 72 % der Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch berichten von Phasen der Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit oder depressiven Verstimmungen.
  • 79 % sind der Meinung, dass jede Kinderwunschbehandlung mehrere psychotherapeutische Einheiten beinhalten sollte.
  • 77 % sagen, dass im Umfeld oft das Verständnis für die emotionale Belastung fehlt.
  • 66 % empfinden die psychische Belastung zeitweise größer als die körperliche oder finanzielle Belastung.
  • 62 % sehen unerfüllten Kinderwunsch in Österreich noch immer als Tabuthema. Unter ihnen nennen 51 % Scham oder Peinlichkeit als Hauptgrund.

Wien, 22. April 2026

Anlässlich des Mental Health Month im Mai zeigt eine aktuelle Studie von Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich gemeinsam mit dem unabhängigen Forschungsinstitut TQS Research & Consulting, wie stark unerfüllter Kinderwunsch die psychische Gesundheit belasten kann. 72 % der befragten Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch berichten von Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit oder depressiven Verstimmungen, 65 % von starker oder sehr starker psychischer Belastung. Unter den Befragten mit Behandlungserfahrung hätten sich 67 % mehr psychologische Unterstützung während der Kinderwunschbehandlung gewünscht. Gleichzeitig sprechen sich 79 % der Gesamtbevölkerung dafür aus, psychotherapeutische Begleitung fix in Kinderwunschbehandlungen zu verankern.

Unerfüllter Kinderwunsch wird in Österreich noch immer vor allem medizinisch, organisatorisch und finanziell diskutiert. Dass er für viele Betroffene auch zu einer erheblichen psychischen Belastung wird, zeigt eine aktuelle Studie der Patient:innen-Organisation Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich gemeinsam mit dem Forschungsinstitut TQS Research & Consulting anlässlich des Mental Health Month im Mai. Unter den befragten Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch berichten drei von vier Personen (72 %) von Phasen der Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit oder depressiven Verstimmungen. 65 % erleben den unerfüllten Kinderwunsch als starke oder sehr starke psychische Belastung. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass das Thema gesellschaftlich vielfach tabuisiert bleibt und Betroffene im persönlichen Umfeld oft auf fehlendes Verständnis stoßen.

Wie tief diese Belastung in den Alltag der Betroffenen hineinreicht, zeigen die weiteren Ergebnisse: 66 % der befragten Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch sagen, dass die psychische Belastung zeitweise größer war als die körperliche oder finanzielle. 63 % empfinden den unerfüllten Kinderwunsch emotional als vergleichbar mit anderen großen Verlusten im Leben. Mehr als die Hälfte (54 %) hatten das Gefühl, mit ihren Gedanken und Gefühlen allein zu sein.

„Unerfüllter Kinderwunsch wird in Österreich noch immer vor allem als Privatangelegenheit gesehen und nach wie vor tabuisiert. Die psychischen Folgen bleiben oft unsichtbar. Die Daten zeigen aber klar, dass es auch um psychische Gesundheit geht. Wer über Monate oder Jahre mit Hoffnung, Enttäuschung, Scham und sozialem Druck lebt, braucht nicht nur medizinische Behandlung, sondern auch psychologische Begleitung und gesellschaftliches Verständnis“, sagt MMag. Christina Fadler, Obfrau von Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich. „Für viele ist nicht klar, wie stark Unfruchtbarkeit zugenommen hat. Sie ist kein individuelles Problem, sondern ein Gesundheitsthema, das unsere Gesellschaft die nächsten Jahre immer mehr beschäftigen wird.“

Psychische Belastung ist kein Randaspekt
Besonders deutlich wird, dass es hier nicht um vereinzelte emotionale Ausnahmesituationen geht, sondern um ein strukturelles Belastungsthema. Fast jede zweite betroffene Person (48 %) mit unerfülltem Kinderwunsch berichtet von psychischen Symptomen, die einer Depression nahekamen. Gleichzeitig sagt die große Mehrheit (77 %), dass im Umfeld oft das Verständnis für die emotionale Belastung fehlt.

Tabu und Scham verschärfen den Druck
Zur psychischen Belastung kommt, dass das Thema gesellschaftlich noch immer nicht offen behandelt wird. 62 % der Gesamtbevölkerung sehen unerfüllten Kinderwunsch weiterhin als Tabuthema. Unter jenen, die das Thema als tabuisiert wahrnehmen, nennt mehr als die Hälfte (51 %), Scham oder Peinlichkeit als Hauptgrund dafür. 41 % der befragten Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch geben zudem an, sich in der Gesellschaft oder im Gesundheitssystem stigmatisiert gefühlt zu haben. Diese Zahlen zeigen, dass psychische Belastung hier nicht isoliert entsteht, sondern durch gesellschaftliches Schweigen, fehlende Sprache und mangelnde Anerkennung verstärkt wird.

Unterstützung wird gewünscht, aber oft nicht erreicht
Die Studie zeigt auch eine deutliche Versorgungslücke. Zwei Drittel (67 %) der Befragten mit Behandlungserfahrung hätten sich während der Behandlung mehr psychologische Unterstützung gewünscht. Tatsächlich in Anspruch genommen haben psychologische Hilfe aber nur 8 % dieser Gruppe. Unter jenen, die keine psychologische Unterstützung genutzt haben, sagen 32 %, dass ihnen diese Möglichkeit nicht bekannt war. 28 % geben an, sie hätten es sich finanziell nicht leisten können.

„Gerade dieser Widerspruch ist alarmierend. Viele Betroffene wünschen sich psychologische Unterstützung, aber nur ein Bruchteil erhält sie tatsächlich. Das ist kein individuelles Versäumnis, sondern ein Hinweis darauf, dass die bestehenden Strukturen Menschen in einer hochbelastenden Lebensphase nicht ausreichend auffangen“, ergänzt MMag. Christina Fadler, Obfrau von Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich.

Österreicher:innen sehen Handlungsbedarf
Dass psychische Gesundheit im Kinderwunschkontext stärker mitgedacht werden muss, ist längst nicht nur eine Forderung von Betroffenen. 79 % der Bevölkerung finden, dass jede Kinderwunschbehandlung mehrere psychotherapeutische Einheiten beinhalten sollte. Neun von zehn Befragten (89 %) sprechen sich für unabhängige und spezialisierte Beratungsstellen aus. 72 % sagen, politische Maßnahmen sollten sich stärker mit den psychischen Belastungen eines unerfüllten Kinderwunsches befassen.

Die Patient:innen-Organisation macht damit im Mental Health Month auf einen blinden Fleck in der öffentlichen Diskussion aufmerksam. Unerfüllter Kinderwunsch ist nicht nur eine Frage von Medizin, Reproduktion oder Finanzierung. Er betrifft auch die psychische Gesundheit und ist damit ein Thema, das stärker in Versorgung, Kommunikation und Politik verankert werden muss.