Wien ist Österreichs KI-Schlusslicht – Gefährliche Sorglosigkeit oder berechtigte Gelassenheit?

Christoph-Becker, CEO von ETC © APA Schedl

Wien, 21. Oktober 2025

Eine aktuelle, repräsentative Umfrage von TQS Research & Consulting im Auftrag des Bildungsanbieters ETC unter 1.000 Österreicher*innen zeigt ein überraschendes Bild: Nur 15,1 Prozent der Wiener*innen spüren deutliche Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz im Job – in Vorarlberg sind es fast doppelt so viele. Auch beim Weiterbildungsbedarf bleibt Wien Schlusslicht: Nur 27,8 Prozent sehen Handlungsbedarf, während der Österreich-Schnitt bei 33,9 Prozent liegt. Damit wird das Klischee der urbanen Innovationsführerschaft brüchig. Ist das ein Zeichen von Weitsicht – oder von Verdrängung?

Die Bundeshauptstadt Wien liegt beim wahrgenommenen KI-Einfluss auf die berufliche Tätigkeit österreichweit an letzter Stelle: Nur 15,1 Prozent der Wiener*innen geben an, dass Künstliche Intelligenz einen hohen Einfluss auf ihre Arbeit hat. In Vorarlberg sind es mit 29,5 Prozent fast doppelt so viele. Das zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage des Bildungsanbieters ETC unter 1.000 Österreicher*innen. Das Ergebnis widerlegt das gängige Narrativ fundamental: Urbane Zentren gelten als Innovationstreiber der digitalen Transformation – doch beim KI-Bewusstsein liegt Wien nicht nur deutlich unter dem Österreich-Durchschnitt (19 Prozent), sondern auch hinter allen anderen Bundesländern. Selbst das Burgenland (21,9 Prozent) und die Steiermark (17,3 Prozent) liegen deutlich vor der Hauptstadt.

Selbstzufrieden oder realitätsnah?

Auch beim erkannten Weiterbildungsbedarf liegt Wien am unteren Ende: 27,8 Prozent der Wiener*innen sehen Bedarf für deutliche Kompetenzentwicklung oder grundlegende berufliche Neuorientierung – der niedrigste Wert aller Bundesländer. Zum Vergleich: In Salzburg sind es 41,8 Prozent, in Oberösterreich 37,2 Prozent, im Österreich-Schnitt 33,9 Prozent. „Die Wien-Zahlen sind in mehrfacher Hinsicht überraschend“, sagt Christoph Becker, CEO von ETC. „Man würde erwarten, dass die Hauptstadt mit ihren vielen Bürojobs, Start-ups und Tech-Unternehmen an der Spitze der KI-Wahrnehmung steht. Das Gegenteil ist der Fall.“ Gleichzeitig glauben 21,2 Prozent der Wiener*innen, dass in den nächsten drei Jahren keine Anpassungen an KI erforderlich seien – deutlich mehr als der Österreich-Schnitt von 16,7 Prozent und nur knapp hinter dem Spitzenreiter Salzburg (23,6 Prozent).

Struktur schlägt Standort

Die möglichen Gründe für Wiens Schlussposition liegen in der Wirtschaftsstruktur: Die Hauptstadt ist stark dienstleistungsdominiert, viele Tätigkeiten sind weniger direkt von sichtbarer Automatisierung und KI-Integration betroffen als etwa in der industriellen Produktion. Vorarlberg als Spitzenreiter (29,5 Prozent) und Oberösterreich auf Platz 2 (22,7 Prozent) sind hingegen starke Industriestandorte. „Die Nähe zu Fertigung und Automatisierung macht KI-Einflüsse unmittelbar erlebbar“, erklärt Becker. „In Wien arbeiten scheinbar viele Menschen in Bereichen, wo KI noch nicht so sichtbar angekommen ist – oder wo man glaubt, dass sie nicht ankommt.“

Gefährliche Sorglosigkeit oder berechtigte Gelassenheit?

Die Frage ist: Liegt Wien mit seiner moderaten KI-Einschätzung richtig – oder wiegt sich die Hauptstadt in falscher Sicherheit? „Beides ist möglich“, sagt Becker. „Einerseits könnten viele Wiener Berufsfelder tatsächlich weniger stark betroffen sein. Andererseits besteht die Gefahr, dass KI-Veränderungen unterschätzt werden, weil sie schleichender und weniger sichtbar kommen als in der Industrie.“ Besonders nachdenklich stimmt: Auch österreichweit zeigt die Studie, dass ausgerechnet jene Gruppen am wenigsten KI-Einfluss wahrnehmen, die objektiv am stärksten betroffen sein dürften. Arbeiter*innen geben nur zu 18,3 Prozent einen hohen KI-Einfluss an, 37,4 Prozent von ihnen glauben, dass keine Anpassungen nötig seien – mehr als doppelt so viele wie bei Angestellten (16,6 Prozent). Menschen ohne Matura spüren zu 14,1 Prozent hohen KI-Einfluss (mit Matura: 27,4 Prozent).

Stadt-Land-Gefälle umgekehrt

Das Vorarlberg-Wien-Gefälle von fast 1:2 stellt bisherige Annahmen über Innovation und Digitalisierung infrage. „Wien zeigt: Fortschritt ist kein automatisches Stadtprivileg“, resümiert Becker. „Die Frage ist, ob die Hauptstadt die KI-Entwicklung realistisch einschätzt – oder ob sie ein Aufwachen erlebt, wenn KI plötzlich auch Dienstleistungsberufe massiv verändert.“

Die weiteren Platzierungen:

  1. Vorarlberg: 29,5%
  2. Oberösterreich: 22,7%
  3. Burgenland: 21,9%
  4. Tirol: 18,1%
  5. Steiermark: 17,3%
  6. Kärnten: 20,3%
  7. Niederösterreich: 18,0%
  8. Salzburg: 20,0%
  9. Wien: 15,1%

Über die Studie

Die Ergebnisse stammen aus einer repräsentativen Umfrage, die von TQS Research & Consulting im Auftrag von ETC durchgeführt wurde. Die Erhebung erfolgte im Zeitraum 18. bis 29. September 2025 mittels CAWI (Computer Assisted Web Interviews). Befragt wurden 1.000 Österreicher*innen repräsentativ nach Geschlecht, Alter, Bundesland und Bildung. Die Schwankungsbreite liegt bei ±3 Prozentpunkten. Die beiden zentralen Fragen lauteten: „Wie hoch ist der Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) auf Ihre berufliche Tätigkeit?“ und „Und wie schätzen Sie die notwendigen Veränderungen in Ihrem Arbeitsbereich in den nächsten 3 Jahren im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz (KI) ein?“